Diaroe

 

Zur Entjungferung des bisher toten Interview-Bereiches haben sich bereitwillig die Jungs von “Diaroe” gemeldet und wir machen auch noch direkt einen Dreier draus, Christian (Vocals) und Martin (Drums) stellen sich der Sache.

 

Servus, stellt ihr euch mal kurz selbst vor?

Christian, 31, aus Essen.

Martin, 27, aus Oberhausen

 

Euch gibt es ja jetzt schon seit 2005, ist für euer 15 jähriges was geplant, außer hoffentlich einem neuen Album, welches ja noch dieses Jahr erscheinen soll, wenn ich richtig informiert bin?

Christian: Konkret geplant ist da noch gar nichts. Wir möchten aber schon ganz gerne in einer ähnlichen Art feiern, wie wir es zu unserem 10. Geburtstag getan haben. Das war in  2015 – da haben wir zusammen mit Stillbirth, Kadaverficker und Jugaad das Turock in Essen vollgemacht. Könnte ich mir mit anderen Bands auch 2020 vorstellen. Mal sehen…
Aber ja, wir arbeiten an einem neuen Album.

 

Ihr kommt ja aus der Ecke Deutschlands mit der höchsten Banddichte was harte metalische Klänge angeht (NRW, RuhrPott), ist dies eher von Vorteil (viele Auftrittsmöglichkeiten, im schlimmsten Falle schneller Membernachschub), oder Nachteil (hart umkämpfte Termine, man geht unter wenn man nicht laufend präsent ist)?

Christian: Dass wir hier so eine aktive Szene im Death/Grind usw. haben zeigt in erster Linie, wie gesund die Szene aktuell ist. Das ist gut so und dass auch viele Shows in NRW stattfinden ist auch gut. Natürlich bringt dies leider ein gewisses Überangebot mit sich, weshalb sich nicht vermeiden lässt, dass an einem Tag auch mal gleich mehrere potenziell geile Konzerte stattfinden, welche sich quasi gegenseitig die Zuschauer wegnehmen. Da wünscht man sich lieber ein Paar weniger Shows mit umso stärkeren Billings. Dann wären nämlich die Locations auch etwas voller und die Veranstalter müssten nicht so viele Bauchschmerzen bzgl. des Break-Even haben.

 

Eigentlich ist ja jeder von euch in mindestens noch einer Band aktiv (zum Teil sehr aktiven Bands die eigentlich ständig weltweit auf Tour sind, z.B. “Stillbirth”, “Plancenta Powerfist”). Ist es nicht schwer als “San­dwichband” Termine für Gigs, Proben und auch Songwriting zu finden?

Christian: Ich persönlich bin ja auch noch mit „Japanische Kampfhörspiele“ sehr aktiv. Ich denke aber, dass uns diese inzestuösen Bandgefüge eher bereichern, da die Stile sich schon etwas unterscheiden und man dann wiederum seine eigenen Songwriting-Prozesse dadurch bereichern kann. In Punkto Termine gibt es natürlich immer mal wieder Überschneidungen wo dann mal die ein oder andere Band den Kürzeren ziehen muss. Das ist aber gar nicht so schlimm. Probetermine sind bei DIAROE eh relativ weit auseinander, da das Songwriting meist zuhause am Rechner stattfindet, wo man dann direkt alle Tabs und Noten z.B. in Guitar Pro schreibt und die Dateien dann innerhalb der Band in Umlauf bringt. Davon profitieren dann wiederum auch Bands wie Stillbirth, die relativ regelmäßig proben können.

Martin: Klar, da wir mit all den Bands derzeit recht intensiv aktiv sind, muss man da schon äußerst sorgfältig mit seinen Terminen haushalten. Da wir aber alle schon recht lange Musik machen, finden wir in der Hinsicht auch immer eine gute Lösung, selbst, wenn es mal geringfügige Kompromisse gibt. Bei mir kommt dann sogar noch meine Beteiligung in “XavlegbmaofffassssitimiwoamndutroabcwapwaeiippohfffX” dazu, was aber kaum ein Problem darstellt, da die andere Hälfte der Band in Südafrika lebt und daher nur selten in Europa ist.

 

Welchen Stellenwert hat “Diaroe” für die einzelnen Member? Hobby? Lückenbüßer? Herzensangelegenheit?

Christian: Für mich als letztes verbliebenes Gründungsmitglied steckt natürlich absolutes Herzblut in der Band. Für Martin genau so denke ich, da er seit Januar 2019 auch schon im zehnten Jahr dabei ist. Es ist und bleibt aber ein Hobby mit Leidenschaft für mich, da ich beruflich stark eingespannt bin und daher gar nicht so intensiv wie andere in der Musik aufblühen kann. Von dem Genre in dem wir uns bewegen, kann man halt keine Rechnungen bezahlen, außer man heißt Cannibal Corpse oder Kreator oder so…

Martin: Diaroe ist für mich musikalische und menschliche Kontinuität. Selbst wenn wir mal eine lange Zeit nicht zum Proben oder Auftreten kommen ist die Band da und steht wie der Fels in der Brandung. Natürlich bin auch ich beruflich so eingespannt, dass ich es als leidenschaftliches Hobby ansehen muss. Manchmal finde ich das aber auch gut, dann weiß man das Musikmachen immer ein wenig mehr zu schätzen als wenn man es wirklich jeden Tag machen müsste.

 

Ihr seid ja jetzt was Veröffentlichungen angeht nicht gerade die Produktivsten (eine EP und 1 Album in 14 Jahren). Da spielen doch sicher die 3 Fragen vorher eine nicht ganz unerhebliche Rolle denke ich mir mal, oder gib es da noch andere Faktoren, oder wollt ihr gar nicht so viel Material im Umlauf haben, “Bolt Thrower” hat ja vor der Auflösung auch 11 Jahre bewusst nichts neues mehr gemacht, da sie meinten, ihr altes Material sei so gut, dass sie es nicht mehr viel bessern machen könnten und nichts Schlechteres rausbringen wöllten?

Christian: Zuerst einmal bist du schlecht vorbereitet, haha! Hier ein kleiner Geschichts-Exkurs in die Bandbiografie: Wir haben 2005/2006 ein Full Length Album namens „Einlauf From Hell“ veröffentlicht. Dies wurde in absolut kürzester Zeit ausverkauft und seit jeher gibt es auch keine physischen Kopien mehr davon. Zugegebenermaßen finde ich das jetzt nicht tragisch, da diese Scheibe wirklich der letzte Schmutz war, haha! Danach kam 2007 eine Demo mit 5 Tracks (Titel „Fleischcore-Demo“), dann 2008/2009 eine 3-Track EP, die nur online erschien (Fleischeslust-EP) und 2013 dann „Das Eskalat“.

Zurück zur Frage: Durch extreme berufliche Belastung, durch die Aktivitäten in anderen Bands und vor allem durch ein Paar interne Komplikationen haben wir leider seit 2013 nichts neues aufnehmen können. Aktuell arbeiten wir aber auf Hochtouren an einer neuen Platte. Vor allem unser neuer Gitarrist Lumpi bereichert uns nicht nur menschlich sehr, sondern auch genauso in unserem musikalischen Schaffen. Das liegt also tatsächlich gar nicht an der berühmten Faulheit, Unlust oder Trägheit. Wir sind hochmotiviert und wollen auf jeden Fall im Herbst/Winter 2019 unser neues musikalisches Baby abferkeln.

 

Deutsche Texte gibt es ja recht selten, gerade im extremeren Metal, im Gegensatz zu Punk, da ist es normal. Nicht selten wird man deswegen auch in die eher rechte Ecke gestellt (ich weiß, trifft bei euch absolut nicht zu, aber das Vorurteil gibt es im Allgemeinen), gerade wenn die Texte, wie bei euch mMn, doch sehr gesellschaftskritisch sind und der Masse den Spiegel vorhalten und nicht unbedingt zimperlich sind. Habt ihr da schon mal Probleme gehabt oder war das noch kein Thema?

Christian: Mit dieser Problematik hatten wir zum Glück noch keine Berührungspunkte. Von dem Vorurteil habe ich aber auch so in der Form noch nicht gehört. Das meiste von dem was es gibt versteht man ja rein gesanglich meistens eh nicht so sehr. Wir drucken ja auch brav unsere Texte im Booklet ab, daher kann jeder auch einsehen, was für rhetorische Ergüsse sich hier finden lassen. Bei weitem nicht literaturnobelpreisverdächtig, aber dafür immer gerade raus und authentisch. So wie du es in der Frage formulierst – gesellschaftskritisch und der Masse den Spiegel vorhalten – trifft das schon ganz gut zu. Wir haben allesamt eine absolute Aversion gegen alles, was aus der rechten Ecke und diesem ganzen Besorgtbürgertum kommt und wollen damit auch nichts zu tun haben!

 

Von einigen euch Ahne von ich es schon, aber ich Frage trotzdem. Lebt ihr von der Musik, aber habt ihr noch “normale” Jobs, wenn ja welche (falls ihr es verraten wollt)? Und welchen Stellenwert hat die Musik wenn es um Berufs- und Privatleben geht, was geht vor?

Christian: Darauf bin ich ja schon ein bisschen in Frage 5 eingegangen. Hier jetzt aber nochmal ein bisschen ausführlicher. Leben können wir von der Musik natürlich nicht, da wir uns ja in einem absoluten Underground-Genre bewegen. Hauptberuflich bin ich Projektleiter in einer Messebauagentur. Aber davon mal ab – ich glaube übertrieben gesagt sowieso daran, dass in unserer jetzigen Zeit keine Band aus dem Underground mehr so groß werden kann wie es zum Beispiel bei Metallica, Iron Maiden, Motörhead, Slayer usw. der Fall war. Zur heutigen Zeit gibt es einfach fast nichts mehr, was du musikalisch neu machen kannst, womit du schockieren kannst. Und dadurch leider auch nicht mehr so einen großen Hunger auf Neues. Diese Ganze Von-allem-offended-sein-Kultur und übertriebene political correctness sowie Streamingdienste, Digitalisierung und Überangebot machen es in meinen Augen schlichtweg unmöglich. Vielleicht kann man es mal zu einer Art Internet-Hype schaffen, der sich dann ein Paar Jahre hält, aber für mich wäre das nichts.

Martin: Im Großen und Ganzen kann ich mich Christians Aussage nur anschließen. Ich persönlich arbeite im Mineralölgewerbe und Musik hat im allgemeinen einen äußerst hohen Stellenwert bei allem, was ich mache. Da ich neben dem Schlagzeug auch noch Gitarre spiele, bin ich auch abseits von Diaroe, Stillbirth und Xavleg…. immer am Musikmachen. Musik ist für mich die einzige Möglichkeit, kreativ zu sein.

 

Quickies
Fuß vom Schwein oder Kopf vom Salat?

Christian: Fuß ist nicht meins, Salatkopf allein zu langweilig.
Martin: Salat mit Dressing

 

50 Besucher Kneipengig oder 20000+ Festival?

Christian: Hat beides seine Reize – aber 20.000+ hatte ich noch nicht, also letzteres.

Martin: Festival. Ich hatte schon genug Mini-Shows.

 

Metal only oder hört ihr privat auch anderes?

Christian: Ich höre vieles durcheinander. Metal, Rap, Blues Rock, hier und da auch mal was Elektronisches.

Martin: Absolut alles bis auf Rap und Schlager. Schwerpunkte sind klar Metal aber auch viele Instrumental-Sachen und gut gemachter J-Rock.

 

Jack (Destillat aus Gerstenmalz) oder Johnny (Räucherstäbchen aus Hanf)?

Christian: Alkohol, der schmeckt richtig!
Martin: Johnny, alleine wegen des ausbleibenden Katers.

 

Live zu spielen ist für uns,
  1. einfach geil und machen wir so oft es geht
  2. notwendiges Übel um nicht vergessen zu werden und Merch zu verkaufen
  3. gehört einfach dazu, macht aber nicht immer Spaß
  4. Stress pur

Christian: Also wer hier was anderes als Antwort 1. sagt, der soll sofort mit Musik aufhören und seine Band auflösen!

Martin: Was Christian sagt!

 

Jetzt hab ich glaub ich genügend Fragen gestellt und ihr könnt einfach mal raushauen was ihr uns von euch aus loswerden wollt.

Christian: Support the underground! Leute: Geht mehr auf Konzerte. Bewegt eure Ärsche raus vor die Tür, ab in die Clubs und Kneipen und supported die Bands die alles dafür geben, um euch eine gute Show zu liefern! Guckt euch auf Shows auch die Supportbands an und kauft auch mal deren Merch wenn euch die Musik gefällt. Niemand verdient sich mit den Auftritten eine goldene Nase und Euch tun auch mal die 5-10€ für ne CD oder 10-15€ für ein Shirt nicht weh.

Martin: Wenn euch Musik wichtig ist, dann feilscht nicht um Ticketpreise! Gebt jedem, der auf der Bühne steht eure Aufmerksamkeit und entscheidet erst nach einer angemessenen Zeit, ob der Künstler euch zusagt oder nicht. Das ist immer besser als pauschal zu sagen, dass man jemanden nicht mag, obwohl man noch nie was davon gehört hat. Seid offen! Seid tolerant und zu guter Letzt: Kein Applaus für Scheiße.

 

Lukas, Lumpi, Christian, Martin

 

 

 

 

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